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The Fullbliss
this temple is haunted
To try to bring some emotion and dynamic to this scene that its missing right now...for me that is The Fullbliss! (David Judson Clemmons)
Manchmal fällt selbst in der ach so durchkalkulierten Musikwelt alles wie von selbst an seinen Platz. Einige Menschen sprechen dann gerne von Schicksal. Andere suchen verbissen nach Gründen. Meist vergeblich. Und wie egal im Grunde. Zumindest, wenn das Ergebnis derart für sich spricht wie im Falle des amerikanischen Sängers/Gitarristen David Judson Clemmons und seiner neuen Band The Fullbliss. Die beseelte Zerbrechlichkeit eines Jeff Buckley oder Brian Molko, knochentrockener Desert-Rock-Treibsand, das jenseitige, surreale Leuchten von Sigur Rós, der Spielwitz früher Motorpsycho-Psychedelia, erdige Reduktion aufs Wesentliche à la Madrugada all dies verbindet sich auf ihrem jetzt erscheinenden Album This Temple Is Haunted wie von Geisterhand zu einem homogenen, Sucht erzeugenden Ganzen.
Jahrelang hatte sich Clemmons, damals noch in Los Angeles ansässig, mit zwei Kollegen unter dem Namen Jud auf die harte Tour eine eingeschworene Fanbasis erarbeitet. Insbesondere in Deutschland besaßen Alben wie Chasing California und A Perfect Life mit ihren zeitlupenhaft-düsteren Lavawalzen, die die Grenzen des depressiv Möglichen im alternativen Gitarrenbereich in ungeahnte Tiefen verschoben, bald Kultstatus. Doch zuletzt war Clemmons, mittlerweile der Liebe halber an die Spree übergesiedelt, nur noch unzufrieden: "Es war schon lange nicht mehr so, dass an Jud mein Herzblut gehangen hätte, auch wenn ich die beiden nach wie vor sehr schätze und nichts bereue", gibt der Sänger offen zu. "Ich fühlte mich zunehmend eingeengt.
Um auch die sensiblere Seite seiner Persönlichkeit ausleben zu können, rief Clemmons The Fullbliss ins Leben. Zunächst versuchte er es rein akustisch mit einer Geigerin, später im Duo mit einem Cellisten, aber auch dies wurde ihm bald zu einseitig. Was ihm vorschwebte, war vielmehr ein auf Oberflächlichkeiten bewusst verzichtender, offener Entwurf, der die Extreme unter einen Hut bringt: Leben und Tod liegen nun mal sehr nah aneinander, und das gilt es abzubilden. I really didn't want to follow in the footsteps of all those US-testosterone-nu-rockers who I consider now the Nelsons and Hansons of the 2000's ewig die gleichen Songs, die gleiche Attitüde! Das ist in etwa so sinnvoll, wie ein schwazes Bild zu malen. Ich höre im Hintergrund ständig die Uhr ticken, und in der mir noch verbleibenden Zeit will ich etwas Besonderes schaffen. Zusammen mit dem Schlagzeuger James Schmidt buchte Clemmons ein Studio, um Nägel mit Köpfen zu machen. Den Bass plante er ursprünglich selbst einzuspielen, doch dann kam plötzlich alles völlig anders: James kannte ich von den Chasing California-Sessions, hatte aber seitdem nur wenige Möglichkeiten, mit ihm zu spielen, also war ich durchaus gespannt. Als dann allerdings Björn Werra dazu kam, sich einen der halbfertigen Songs anhörte und wir ihn spontan einluden, dazu zu jammen, flippten James und ich fast aus. Es war schlicht großartig! Ich glaube Laugh And Dance war der erste Track, den wir zusammen spielten, und es ist absolut cool, dass er so und nicht anders entstanden und auf der Platte ist. "Für mich war das auch 'ne ziemlich verrückte Situation", rekapituliert Werra, der am ersten Tag der Aufnahmen lediglich deshalb im Berliner K4 Tonstudio vorbeischneite, um Clemmons ein paar seiner Instrumente zu leihen. "Ich hatte zwar am Abend zuvor eine seiner Solo-Shows besucht, die mich stark berührte, doch von mehr war nicht die Rede. Wir kannten uns ja nur über Ecken. Ich stöpselte den Bass ein und los ging's. Ohne jede Probe oder Absprache. Erst eine Woche später fand er sich draußen wieder erschöpft, aber glücklich. Was für eine Energie!"
Eine zutiefst emotional gefärbte Energie, die sämtliche zehn Songs des von Stephan Linde in nur acht Tagen produzierten Albums durchzieht. Mal rauh und geradeaus rockend, dann wieder bedrohlich, abgründig, fast suizidal. Eine Energie jedenfalls, der man sich nur schwerlich entziehen kann. So findet sich auf "This Temple Is Haunted" neben Geigen-schwerer, fintenreicher Pop-Schwermut und intensivem psychedelischem Knarzen auch eine zentnerschwere Wüstenrock-Hymne namens "Laugh & Dance", die dich vor positiver Power schier vom Stuhl fegt. "Eigentlich wollte ich mich bloß ein wenig über diese ganzen HipHop-MC's und ihre Oberflächlichkeit lustig machen", lacht Clemmons. "Als es dann aber derart überzeugend klang, dachte ich: 'Was soll's?' Wer zum Teufel hat gesagt, dass ich bis an mein Lebensende nur düstere, todernste Sachen schreiben darf?" Eben.
Natürlich tut er es trotzdem: Das wütende See The End balanciert anhand einer zerbrochenen Liebe an der Klippe entlang, die vielschichtige Wehklage This Morning betört nicht zuletzt durch subtile Geigen-Ornamente (Anne de Wolff) sowie die weibliche Gaststimme Martina Kruses. Der semiakustische Schleicher Dry River wiederum windet sich seinem furiosen Finale geradezu entgegen. Am eindrucksvollsten indes verknüpft wohl Random sämtliche losen Enden der musikalischen Welt des Trios miteinander: Ill see light, Ill see dark / Ill see you fall apart / Ill see tires roll / until you fill your holes (...) Im in too deep, befindet Clemmons dort zu grandiosem Groove und zauberhaften Streichermelodien, und schon laufen einem wohlige Schauer den Rücken herunter. Widerstand zwecklos. Diese Platte saugt dich ein. Kaum sind die letzten Töne des Hoffnungsschimmers Begin verklungen, will man nochmal. Und nochmal.
Ob Schicksal, Zufall oder was auch immer wir jedenfalls halten es mit Clemmons: "Fuckin' awesome, man. Fuckin' awesome!"
The Fullbliss are:
David Judson Clemmons vocals, guitar
Björn Werra bass
James Schmidt drums
Tracklisting:
1. this temple is haunted
2. I see the end
3. this morning
4. tricked
5. dry river
6. summer fades to fall
7. laugh and dance
8. random
9. the fool
10. begin
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